Ursachen für Zahn- und Kieferfehlstellungen

Viele Fehlstellungen sind u. a. erblich verursacht, so dass sie in unterschiedlicher Ausprägung in einer Familie gehäuft auftreten können. Aber auch bestimmte Gewohnheiten als Kind, wie zum Beispiel ausgiebiges Daumenlutschen oder ständige Mundatmung, können zu erworbenen Fehlstellungen führen.

Der obere Schmalkiefer wird beispielsweise oft durch eine ausgeprägte Mundatmung verursacht. Im Normalfall atmet der Mensch nur in Ausnahmesituationen ausschließlich durch den Mund, etwa wenn die Nase verstopft ist. Diese Form der Mundatmung ist also lebensnotwendig.

Ein Patient mit allergiebedingt chronisch zugeschwollener Nase wird manchmal über Jahre hinweg nur durch den Mund atmen, vor allem nachts. Die Folgen: Durch die Mundatmung werden nicht nur Austrocknung und Entzündung der Mundschleimhäute verursacht. Dadurch, dass der Mund ständig geöffnet ist, liegt die Zunge nicht an ihrem anatomisch richtigen Platz hinter den oberen Schneidezähnen, sondern bleibt im Unterkiefer, um den Luftweg freizuhalten. Hierdurch fehlt im Oberkiefer der wichtige wachstumsfördernde Reiz des Zungendrucks.

Außerdem sorgt die zusätzlich angespannte Wangenmuskulatur für einen ständigen zusätzlichen wachstumshemmenden Reiz auf den Oberkiefer. Durch diese Faktoren bleibt der Oberkiefer in der Entwicklung zurück. Wird trotz freier Nase durch den Mund geatmet, spricht man von einer "gewohnheitsmäßigen" Mundatmung. Sie kann durch verschiedene herausnehmbare Apparaturen abgewöhnt werden.

Zahnengstände Schmalkiefer

Die Zähne haben im Kiefer zu wenig Platz und stehen daher verschachtelt und oft auch gedreht. Diese Situation verschlechtert sich meist mit zunehmendem Alter. Eine kieferorthopädische Regulierung kann hier helfen, die Entwicklung von Karies und Zahnfleischerkrankungen zu vermeiden, weil sich die Zähne leichter reinigen lassen. Zudem werden die Kaufunktion und das Aussehen deutlich verbessert.

Zahnlücken

Während des Zahnwechsels treten bei vielen Kindern im Rahmen der Kieferentwicklung Zahnlücken auf, häufig zwischen den mittleren Schneidezähnen. Meist handelt es sich bei dieser Form der Lückenbildung um ein natürliches und vorübergehendes Phänomen. Verbliebene Zahnlücken im bleibenden Gebiss stellen - sofern alle Zähne im Kiefer angelegt sind - oft nur eine ästhetische Einschränkung dar. Wenn kein Missverhältnis zwischen der Zahn- und Kiefergröße sowie zwischen Ober- und Unterkiefer vorliegt, sind sie vergleichsweise einfach zu korrigieren. Das Ergebnis der Korrektur sollte zum Schutz vor einem Rückfall längerfristig stabilisiert werden.

Große Schneidezahnstufe durch Unterkieferrücklage

Die oberen Schneidezähne stehen weit vor denen des Unterkiefers. Meist handelt es sich in diesem Fall weniger um eine Zahnfehlstellung der oberen Schneidezähne, obwohl sie scheinbar vorstehen, sondern um eine Kieferfehlstellung durch Unterkieferrücklage. Die Folge ist ein falsches Zusammenbeißen des oberen und unteren Zahnbogens. Manchmal wird die falsche Kieferlage nach außen dadurch kaschiert, dass die oberen Schneidezähne nach innen kippen und somit keine vergrößerte Stufe zwischen den oberen und unteren Schneidezähnen entsteht, sondern ein sogenannter Deckbiss. Die rein kieferorthopädische Korrektur von Kieferfehlstellungen ist nur während des Wachstums möglich. Danach ist zur Korrektur in der Regel eine kombinierte Behandlung mit chirurgischem Eingriff erforderlich.

Tiefbiss oder "Deckbiss"

Die oberen Schneidezähne überdecken beim Zusammenbeißen die unteren Schneidezähne weit, manchmal sogar ganz. Da eine gegenseitige Abstützung der Schneidezähne des Ober- und Unterkiefers fehlt, neigt diese Fehlstellung mit zunehmendem Alter zu Verschlechterung und führt dann meist zu Schäden an den Zähnen und am Zahnfleisch. Auch die Kiefergelenke werden vergleichsweise oft geschädigt, weil diese Fehlstellung oft mit einer Kieferfehlstellung in Form einer Unterkieferrücklage kombiniert ist. Durch den Steilstand der oberen Schneidezähne wird der Unterkiefer bei jedem Zusammenbeißen nach hinten weit in die Gelenkgrube gedrängt, was auf Dauer zur Verlagerung der Gelenkknorpelscheibe führen kann. In Folge dieser Verlagerung kommt es in vielen Fällen zu dauerhaften oder immer wiederkehrenden Kiefergelenkbeschwerden. Der Zusammenhang zwischen der Fehlstellung vom Typ Deckbiss und Funktionstörungen unterschiedlicher Ausprägung im Kopf- und Halsbereich konnte auch wissenschaftlich nachgewiesen werden.

Umgekehrte Schneidezahnstufe - Unterkiefervorlage

Diese Fehlstellung tritt relativ selten auf und hat eine starke erbliche Komponente. Sie ist in ausgepägten Fällen nur relativ langwierig behandelbar. Ein früher Beginn der Behandlung - oft im Vorschulalter – ist bei manchen Patienten sinnvoll. Manchmal ist das übermäßige Wachstum des Unterkiefers selbst mit gut getragenen kieferorthopädischen Geräten nicht ausreichend zu hemmen. Dann kann trotz langer kieferorthopädischer Behandlung nach Wachstumsabschluss eine kombinierte Therapie mit chirurgischer Korrektur der Kiefer notwendig werden. Frühes Zeichen dieser Kieferfehlstellung ist häufig der umgekehrte (verkehrte) Überbiss der Schneidezähne – die unteren Zähne beißen vor die oberen - oder auch der Kreuzbiss von Seitenzähnen.

Kreuzbiss "falsche Verzahnung" seitlich

Ein oder mehrere Zähne des Unterkiefers greifen seitlich über die Zähne des Oberkiefers hinaus. Bei dieser Fehlstellung ist meist eine Frühbehandlung nur zur Überstellung der falsch zusammentreffenden Zähne angezeigt, denn oft entsteht durch die falsche Verzahnung auf Dauer ein Zwangsbiss des Unterkiefers, der sich nicht mehr von selbst korrigieren kann.

Offener Biss

Die oberen und unteren Schneidezähne klaffen bei seitlich geschlossenen Zahnreihen auseinander. Die betroffenen Patienten haben deshalb oft große Probleme beim Abbeißen. Die Fehlstellung ist nicht selten die Folge einer zu langen Lutschgewohnheit. Oft lagert sich die Zunge als Folge des Lutschens zwischen oberen und unteren Schneidezähnen ein und verhindert dann dauerhaft eine selbstständige Korrektur der Fehlstellung - auch nach Abstellen der Angewohnheit. Ursache kann aber auch ein falsches Schluckmuster sein. Dann sollte mit Übungen der Myofunktionellen Therapie oder anderen kieferorthopädischen Maßnahmen die Korrektur der Zungenlage angestrebt werden, um das Behandlungsergebnis dauerhaft stabil zu halten.

Nichtanlage von bleibenden Zähnen

Bei fast 10 % der Bevölkerung sind einzelne oder mehrere bleibende Zähne nicht angelegt. Neben den Weisheitszähnen sind oft die oberen seitlichen Schneidezähne oder die zweiten kleinen Backenzähne betroffen. Die Nichtanlage, oft auch einseitig, hat fast immer Auswirkungen auf die Verzahnung und im Schneidezahnbereich auch auf die Ästhetik. Deshalb ist in der Regel eine kieferorthopädische Behandlung sinnvoll. Nach sorgfältiger Diagnostik muss dann zwischen kieferorthopädischem Lückenschluss oder Lückenöffnung für eine spätere Implantatversorgung abgewogen werden. Die Therapie erfordert in beiden Fällen wegen der dabei erforderlichen dreidimensionalen Zahnbewegung eine feste Zahnspange. Der kieferorthopädische Lückenschluss hat aufgrund der Bewegung der Zähne über eine relativ große Strecke und der deshalb erforderlichen komplizierten Mechanik eine über dem Durchschnitt liegende Behandlungsdauer zur Folge.

Verlagerte Zähne

Vor allem die für die Kaufunktion wichtigen Eckzähne brechen bei einigen Patienten nicht in die Mundhöhle durch, sondern verbleiben im Kieferknochen. In diesem Fall wird der betroffene Zahn von einem Zahnarzt oder Kieferchirurgen in einem verleichsweise kleinen Eingriff freigelegt und dann meist mit Hilfe einer festen Zahnspange an seine richtige Stelle bewegt. Auch die Einstellung eines verlagerten Zahnes führt oft zu einer überdurchschnittlich langen Behandlungsdauer.

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